275 Jahre: Glocke, Gong und nun KI

Seit 2023 liegt die operative Geschäftsführung des Unternehmens Siedle bei (von links) Christoph Weber, Jochen Cura und Peter Strobel.
Seit 2023 liegt die operative Geschäftsführung des Unternehmens Siedle bei (von links) Christoph Weber, Jochen Cura und Peter Strobel.Bild: S. Siedle & Söhne

Mathäus Siedle begann 1750, im Nebenerwerb auf seinem Bauernhof bei Furtwangen Teile und Glocken für die seinerzeit prosperierende Uhrenindustrie zu gießen. Die meisten Schwarzwälder Uhrenhersteller hielten dem Wettbewerbsdruck nicht stand und verschwanden. Siedle besteht bis heute – entwickelt cloudbasierte IoT-Systeme und begleitet Zukunftsthemen wie Künstliche Intelligenz (KI). Dazwischen liegen 275 Jahre, geprägt von Innovation und Anpassung an Entwicklungen.

Der Start der Türkommunikation

Mit der Industrialisierung gründete Salomon Siedle 1869 in Furtwangen eine Fabrik – zunächst mit dem Schwerpunkt auf Telegrafie und Telefonie, was bis heute in der Firmierung „S. Siedle und Söhne Telefon- und Telegrafenwerke“ erkennbar ist. Die Einführung des ersten Türlautsprechers Portavox im Jahr 1935 prägte die Türkommunikation und bestimmte grundlegend die Ausrichtung des Unternehmens.

Das Gesicht deutscher Türen

Technisch prägte Siedle in der Folge die Entwicklung der Gebäudekommunikation, brachte z.B. 1972 mit Video-Portavox die erste Video-Türüberwachung auf den deutschen Markt. 1981 veränderte das modulare System Siedle Vario die Türsprechanlage grundlegend und nachhaltig. Das modulare Prinzip von Vario macht es möglich, Türstationen nach spezifischen Bedürfnissen und ästhetischen Vorstellungen wie aus einem Baukasten zusammenstellen. Hunderttausendfach verbaut, bestimmt Siedle Vario bis heute die Gebäudeeingänge Deutschlands und gilt als das Gesicht der Marke.

Portavox, Urahn der Türsprechanlage, und die Erfolgsformel der kommenden Jahrzehnte: Mikrofon und Lautsprecher, geschützt von einer Metallfront und flankiert von Namensschildern und Ruftasten.
Portavox, Urahn der Türsprechanlage, und die Erfolgsformel der kommenden Jahrzehnte: Mikrofon und Lautsprecher, geschützt von einer Metallfront und flankiert von Namensschildern und Ruftasten.Bild: S. Siedle & Söhne

Der Weg zur Design-Premiummarke

Untrennbar ist Siedle Vario mit zwei Namen verbunden: Horst Siedle und Eberhard Meurer. Horst Siedle richtete das Unternehmen ab den 1970er-Jahren international aus. Der Unternehmer erkannte zudem die Bedeutung einer hochwertigen Gestaltung und legte die Grundlagen einer designorientierten Premiummarke. Durch diese Strategie gewann Siedle weltweite Anerkennung und setzte Maßstäbe in der Verbindung von Technologie und Design. An seine Seite holte er einen damals unbekannten jungen Designer: Eberhard Meurer, der rund 40 Jahre lang als Designchef der Marke Siedle ihr Gesicht gab. Dabei gestaltete er nicht nur Produkte, er verlieh einer Markenidentität Ausdruck. Eine Prägung, die fortwirkt: Nach wie vor spielt Design bei Siedle eine zentrale Rolle, wofür nun der Kölner Designer Eric Degenhardt steht – dessen Produkte, etwa das Touch-Panel Siedle Axiom, ebenfalls mehrfach ausgezeichnet wurden.

Moderne Manufaktur mit Edelstahl

Obwohl der Umstieg von Metall- zu Kunststoffanlagen ein Kraftakt für Siedle war, vertraute Gabriele Siedle als Geschäftsführerin zum Jahrtausendwechsel auf ihr Gespür und erkannte den Trend zu authentischen Materialien. Hieraus entstand die Produktlinie Siedle Steel aus massivem Edelstahl, die Individualität möglich macht. Die Anlagen werden in Furtwangen nach den Vorgaben des Auftraggebers als Unikat konfiguriert und gebaut. Es folgte mit Siedle Classic eine weitere bis heute erfolgreiche Metall-Linie. Zudem etablierte Gabriele Siedle innerhalb der Vertriebsstruktur das, was man heute als Key Account Management bezeichnet – einen Projektvertrieb auf Basis individueller Kundenbetreuung.

Partnerschaften und Standorttreue

Was unter allen Geschäftsführungen konstant blieb und auch in Zukunft konstant bleiben soll, sind die Werte und das Leitbild, nach denen Siedle handelt und die das Unternehmen ausmachen. Siedle bleibt ein Familienunternehmen mit dem Anspruch, an seinem Standort Furtwangen einen nachhaltigen Beitrag für die Region zu leisten, versichert das Unternehmen. Dort generiert der Hersteller mehr als 80 Prozent seiner Wertschöpfung und kann sich so wirklich „Made in Germany“ auf die Fahnen schreiben. Essentiell bleibe ebenso die Verbundenheit zu den Partnern aus Großhandel und Handwerk. Die technische Entwicklung setzte sich derweil analog zur Gebäudeelektrik fort: Auf Mehrdraht-, adersparende und Bus-Anlagen folgte 2012 die Einführung des IP-basierten Systems Siedle Access, das den Eintritt in die digitale Welt markierte. Darüber hinaus erweiterte das Unternehmen sein Portfolio um Zutrittskontrolle oder Postempfang und etablierte sich als Systemanbieter. Nun geht der Wandel weiter: vom Gerätehersteller zum Software-orientierten Unternehmen in einem zunehmend digitalen und globalen Marktumfeld.

Neue Geschäftsführung und Ausrichtung

Dieser Wandel schlug sich bereits in der Führungsnachfolge und der strategischen Unternehmensausrichtung nieder: Gabriele Siedle zog sich 2023 aus der operativen Leitung zurück, bleibt jedoch als Geschäftsführerin der Holding-Gesellschaft und als Vorständin der Siedle-Familienstiftung dem Unternehmen verbunden. Die Organisationsstruktur mit einem dreiköpfigen Führungsteam aus Jochen Cura für den kaufmännischen Bereich, Christoph Weber aus dem Bereich Technik sowie Peter Strobel als Geschäftsführer Markt und Innovation war eine bewusste Entscheidung. Das Team personifiziert die drei sich ergänzenden Bereiche, die Siedle für die Entwicklung von Lösungen, die Etablierung digitaler Geschäftsmodelle und für eine effizientere Produktion – oder kurz: für das erfolgreiche Vorantreiben des Wandels – benötigt. In seiner strategischen Ausrichtung fokussiert sich das Unternehmen auf seine Kunden und auf den Markt. Dafür wurde der Geschäftsführungsbereich ‚Markt und Innovation‘ neu geschaffen.

Nicht seit 275 Jahren, doch seit 1981 ist Siedle Vario von den Hauseingängen Deutschlands nicht wegzudenken. 2024 kam die nächste Generation des Design-Klassikers auf den Markt.
Nicht seit 275 Jahren, doch seit 1981 ist Siedle Vario von den Hauseingängen Deutschlands nicht wegzudenken. 2024 kam die nächste Generation des Design-Klassikers auf den Markt.Bild: S. Siedle & Söhne

Nicht nur auf schnellen Umsatz setzen

Langfristig blieben über alle Handelsstufen hinweg diejenigen erfolgreich, die nicht nur auf schnellen Umsatz setzen, sondern ihre Marke durch Innovationen und ein marktgerechtes Portfolio nachhaltig aufbauen und pflegen, vermittelt uns das Unternehmen. Dafür sind Dienstleistungen oder Produkte erforderlich, die den Kunden- und Digitalisierungsanforderungen gerecht werden. Doch was bedeutet heutzutage markt- oder kundengerecht? Das „neue Premium“ ist die Ressource Zeit, ist man sich sicher.

Einfachheit auf allen Ebenen

Um allen Kundengruppen einen Mehrwert zu bieten, ist Einfachheit auf allen Ebenen ein Anreiz. Anlagen und Projekte müssen unkompliziert in der Planung, schnell installiert und in Betrieb genommen werden. Digitale Anwendungen sollten verständlich in der Handhabung sein und Schnittstellen zu anderen Smart-Home-Gewerken haben, die ohnehin immer näher zusammenwachsen. Zeitersparnis in anderer Form, etwa durch Remote-Zugriff, ist dann der logische nächste Schritt.

IoT-Produktfamilie Siedle IQ kommt

Siedle nutzt die neuen Möglichkeiten, die das Internet of Things eröffnet. Auf der Eltefa in Stuttgart konnten Interessierte einen ersten Blick auf die neue IoT-Produktfamilie Siedle IQ werfen, die eben jene Vorgaben der Einfachheit erfüllt: wenige Gerätevarianten, einfache Planung, Inbetriebnahme und Bedienung, cloudbasierte Kommunikations- und Service-Plattform.

Der Wandel bei Siedle manifestiert sich in der neuen Produktfamilie Siedle IQ, die noch 2025 an den Markt kommt.
Der Wandel bei Siedle manifestiert sich in der neuen Produktfamilie Siedle IQ, die noch 2025 an den Markt kommt.Bild: S. Siedle & Söhne

Bedeutung von Kooperationen

Mittelständische Unternehmen werden die Herausforderungen durch Digitalisierung und Globalisierung aber ohne kluge Partnerschaften kaum bewältigen können. Der Markt schätzt Unternehmen, die den Mehrwert von Synergien erkennen, offen für Kooperationen sind und ihre Expertise in Wertschöpfungsnetzwerke einbringen. So unterstützt Siedle z.B. SmartLivingNext, ein vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz gefördertes Forschungs- und Entwicklungsprojekt, das darauf abzielt, ein herstellerübergreifendes, souveränes und vertrauenswürdiges Ökosystem für digitale Smart-Living-Services zu schaffen (siehe auch GEBÄUDEDIGITAL 1 2025, S. 18).

Hauseigene Expertise bei KI

Ebenfalls auf eine Kooperation setzt das Unternehmen beim großen Zukunftsthema KI: Siedle startet die Entwicklung eines prototypischen Projekts unter dem Dach der KI-Allianz Baden-Württemberg, stellt sich aber auch in den eigenen Reihen auf. Ein eigener KI-Spezialist berät bei der Anwendung und bei der konkreten Auswahl spezifischer Tools.

Neue Wege mit bewährten Stärken

Oft wird Transformation als etwas empfunden, das stark von außen durch sich verändernde Rahmenbedingungen beeinflusst wird. Dass der Wandel in die digitale Welt zwar neue Wege erfordert, Betriebe dabei aber ihren Werten, ihrer Kultur und ihren Leitbildern treu bleiben können, ist aber auch ein Faktor. Digitale Produkte eröffnen bei Siedle neue Aufgabenfelder, die Anstrengungen erfordern, wie IT-Sicherheit oder Rund-um-die-Uhr-Service. Sicherheit und Service sind jedoch seit jeher die Grundlage des Siedle-Qualitätsbewusstseins. Oder: Digitale Produkte müssen einfach und nutzerorientiert in der Handhabung sein, was als UX/UI-Design bezeichnet wird. Hersteller mit Premiumanspruch achten ohnehin auf das Design ihrer Geräte. So führen dieselben Werte zu neuen Anwendungen, und Unternehmen können sich mit ihren Stärken in neuen Marktumfeldern behaupten. Es bleibt also spannend, was in den nächsten 275 Jahren noch zu erwarten ist.